Vom Lesen

Ein oft gelesener Ratschlag für Autoren ist ja: Lesen! Lies viel und gute Bücher. Nun habe ich in meinem Leben schon unfassbar viel gelesen, und das es die Möglichkeit gibt, nicht zu lesen, ist mir erst wieder klar geworden, als mein Kind das Lesen gelernt hat. Für mich ist lesen so wichtig wie atmen, ich kann nicht Nicht-lesen.

Seit ich selbst schreibe, ist es allerdings schwierig geworden. Ich habe seither große Schwierigkeiten und viele Bücher abgebrochen. Ich lese jetzt auch wieder ganz alte Schinken, die mich früher fasziniert haben, um zu schauen, warum sie mir noch so im Gedächtnis sind.

Gerade habe ich aber ein brandneues Buch zuende gelesen: "The ocean at the end of the lane" von Neil Gaiman. Ich habe ein gespaltenes Verhältnis zu Gaiman. Ich finde seine Schreibtipps toll, manche seiner Bücher unfassbar schön, und andere Sachen gehen gar nicht.

"The ocean ... " hat für mich ein Gefühl hinterlassen wie ein Testessen in einem wahnsinnig tollen Restaurant. Ich habe sicher alles bekommen, was es dort gibt, aber ich bin noch hungrig. Und ein bisschen, aber nur ein bizel-bisschen, kam mir einiges zu bekannt vor. Manchmal glaubte ich bei einem Zauberlehrling gelandet zu sein, und anderes habe ich bei Pratchett schon besser ... Egal.

Warum ich überhaupt etwas darüber sagen will? Nun, vielleicht ist es ein gutes Zeichen, aber ich fühle mich rastlos nach dieser Lektüre. Der Held ist ein so armes Würstchen, die Geschehnisse sind so weitreichend, und ich fühlte mich so sehr an meine eigene Kindheit erinnert.

Und genau das ist der Punkt: Gaiman führt mich in eine- meine- Kindheit, in die ich eigentlich nicht will. Und im Buch gibt es Menschen, die das Kind retten, und sie sind weise und alles geht gut aus, aber das ist, was mich enttäuscht. Denn die Rettung ist damit verbunden, dass der Held vergisst. Sich wieder erinnert, und dann wieder vergisst. Und so schliesslich Frieden findet.

Ich weiß genau, was Gaiman damit sagen will, und er sagt es meisterhaft, keine Frage. Es gibt kaum einen Autor, der uns so in unsere Kindheit zurückversetzen kann, der uns unsere Verletzlichkeiten, die wir damals hatten, so sehr nahbringt, der die Wunden und Narben so gut visualisiert. Aber er bietet nur Pflaster und Tee. Das lässt mich einsam und ein wenig wütend zurück.

Ich trage auch die Narben meiner Kindheit, aber ich muss nicht vergessen, und ich brauche keine Hilfestellung zum Leben. Ich gehe weiter, und schaue wenn, dann nur zurück, um davon zu lernen, um es besser zu machen. Und um mir und den anderen Beteiligten zu vergeben.

"The Ocean ... " kann viel, es ist märchenhaft und fantastisch, es hat starke Figuren und alles ... aber es bekommt von mir nicht viele Punkte. Ich bin mit der Aussage nicht einverstanden, an einiges Stellen ist es mir zu viel, an anderen Stellen zu dünn. Trotzdem ist es ein gutes Buch. Man möge mir meine persönliche Differenz damit verzeihen.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0