Ebook Piraten!!! oder: Was Doctorow sagt

Die folgenden Ausführungen beziehen sich zum Teil auf einen Artikel von Cory Doctorow, in der Übersetzung von Stefan Holzhauer. Der Artikel ist so in der Phantanews erschienen und steht unter der Creative Commons Licence

 

Ich hatte mit dem Jahr schon abgeschlossen. Ja, ich wollte keinen Blog-Eintrag mehr schreiben. Aber jetzt tue ich es doch, weil manchmal was raus muss, sonst blockiert es einen.

Gestern gab es einen Vorfall, der mir auf Facebook begegnete. Ja, Facebook ... das ernstzunehmende Nachrichtenportal, wo reflektierte Menschen sich über objektive Fakten austauschen. Und das auf erwachsene und vernünftige Art.

 

hahahahaaaaaa

 

Egal: was ist passiert? Eine ehemalige Selfpublisherin hat entdeckt, dass ihre Bücher (und noch andere) in einer geheimen Facebookgruppe runtergeladen werden können. Und ganz brisant: in der Gruppe waren nicht irgendwelche bösen Piraten, sondern Menschen, die diese Autorin kannte, gut kannte. Der Verrat, der Verlust!

 

Ich möchte nicht urteilen über die Enttäuschung der Person, oder über einen möglichen wirtschaftlichen Schaden, den sie und andere erlitten haben. Aber ich möchte was sagen über diese Gesellschaft und wie es dazu kommen kann.

 

Ist man Selfpublisher und treibt sich auf Facebook um, dann gerät man schnell in diverse Gruppen. Da wehen je nach Intensität verschiedenste Gerüche: vom Duft der ewigen Kaffeetasse bis hin zu brüllend heißen Wüstenwinden. Ich war am Anfang auch ganz neugierig, bis die Alteeingesessenen, gerade noch schwatzend und Cookies mampfend, Bärchen und Herzchen hin und her schickend, nach einer naiven Frage meinerseits zu giftspuckenden Harphyen mutierten. Hui, war ich schnell wieder weg. Was ich in solchen Gruppen an Missachtung und Gemeinheiten erfahren habe, stellt jegliche Schul- oder Ferienlagererfahrung als Mädchen in den Schatten. 

Aus den Gruppen weg zu sein, hieß aber nicht, dass ich es nicht doch mitbekommen habe.

 

Was?

Na, die Blogger werden angegangen: Ich schicke dir mein Buch und einen Teebeutel und du bist mir bitte für den Rest deines Lebens verpflichtet (hier, bitte mit Blut unterschreiben). Du musst jetzt hier, hier und hier für mich voten und wehe du gibst mir nicht alle Sterne, die ich gefälligst verdient habe!

Die anderen Schreiberlinge werden angegangen: Du, ich drücke mal für dich bei diesen und jenen Rezis auf hilfreich, und du machst das auch für mich, ist das klar?

Und dann die Leser: Ich hab hier ein tolles Buch! Kauf es und ich schenke dir Lesezeichen und Tasse (ach und klar, einen Teebeutel)- oder besser noch, ich mach ein Gewinnspiel und dann gewinnst du es (mit Lesezeichen und Tasse)(und ihr wisst schon). Oder ich verschenke es, setze den Preis runter, und und ... ABER: bitte vote für mich hier und hier und dann schicke ich dir weiterhin Leseproben oder sag dir, wer bald mit wem ins Bett geht (das willst du doch wissen, weil du nur an mein Buch denkst, Tag und Nacht, oder?)(achso, und denk an den Teebeutel, den ich dir schicke. Wenn du nicht lieb bist, aber nicht mehr.)

Und die Leser so: Echt? Die schenkt mir Lesezeichen und Tassen (und ...) und ich muss nur ...? Grins. Ach, macht ja nichts, ich like immer brav, was sie macht, und schick ihr Herzchen zurück, dann denkt sie, sie ist die Einzige und Beste und wirklich gut.

 

Übrigens ist das ein Frauenphänomen, diese Herzchen und Teebeutel und so. Männer sagen eher: pass auf, kauf mein Buch, da drin gehts zur Sache. Und männliche Autoren verschicken auch selten Tee. 

 

Was will ich damit sagen: es gibt hier nur einen Gewinner: den Leser. Der (eigentlich die, sind auch hier vorwiegend Frauen) bekommt so viel geschenkt, wie noch nie. Es ist so einfach, es wird ihm hinterhergeworfen, er ist der KÖNIG DER WELT!!! (und der Teebeutel).

 

Und wer ist der Verlierer? Der Autor. (Eigentlich auch hier wieder die Autorin, Männer verkaufen sich seltener unter Wert) Er lebt in einer Scheinwelt aus gekauften erlogenen Hitlistenrängen und muss dann auch noch lernen, dass die TeebeutelempfängerInnen die vertrauens- und liebevoll abgegebenen Dateien zu gemeinen Zwecken benutzen.

 

Und hier bin ich tatataaaa wieder beim Thema: nachdem man das also alles erduldet, wundert man sich noch über diesen Missbrauch? Den man so leicht gemacht hat? Nein, ich will jetzt auch nicht über Strafbarkeit reden, sondern nur über die Tatsache, dass man nicht enttäuscht sein muss, wenn man immerzu und ewig tausenden von wildfremden Menschen vertraut. Das kann nur in die Hose gehen.

Ich gebe meine Sachen auch kostenlos ab, aber ich mache mir nicht die geringste Illusion.

 

Und jetzt komme ich zu Cory Doctorow. Der zitiert in dem unglaublich lesenswerten Artikel, den ich oben verlinkt habe (wenn man auf das blaue Phantanews drückt) Neil Gaiman: »Jeder soll mal die Hand heben, der sei­nen Lieb­lings­au­tor kos­ten­los ent­deckt hat – ent­we­der weil Dir je­mand ein Buch ge­lie­hen hat oder oder weil ir­gend je­mand Dir das Buch ge­schenkt hat? Und jetzt heben die­je­ni­gen die Hand, die ihren Lieb­lings­au­to­ren ent­deckt haben, weil sie in einem Laden Geld auf die Theke ge­wor­fen haben.« 

Doctorov sagt dann: Bei mir ist das so: wenn es um meine Lieb­lings­au­to­ren geht, kenne ich keine Gren­zen: Ich kaufe jedes Buch, dass sie je­mals ver­öf­fent­licht haben (manch­mal kaufe ich sogar zwei oder drei um sie an Freun­de wei­ter­zu­ge­ben, die das un­be­dingt lesen müs­sen). Ich be­zah­le, um sie am Leben zu hal­ten. Ich kaufe T-Shirts mit ihren Buch­co­vern dar­auf. Ich bin für mein gan­zes Leben ein zah­len­der Kunde.

 

So ist das nämlich, wenn man Qualität produziert: die Leute kriechen aus den Löchern und kaufen das und man wird sein Geld bekommen. Ohne diesen ganzen Teebeutelschmonzes. Aber ... das wird noch eine Weile so weiter gehen. Warum? Weil es geht. Weil Facebook und andere Netzwerke so etwas erlauben. Weil wir uns gerne auf Listen sehen und weil wir denken, die anderen würden nicht denken: wie ist das denn passiert. Nein, wir denken: oh die ist auf der Liste so weit oben, weil alle die da gevotet haben, sie auch wirklich gut finden.

 

Nein.

 

Es wird noch eine Weile dauern, dann wird sich vielleicht auch das erledigt haben. Ansonsten haben diese Listen ja auch eine Haltbarkeit die kürzer ist als von einem Thunfischsandwich. 

 

Doctorow schreibt: Das Ver­schen­ken von eBooks gibt mir künst­le­ri­sche, mo­ra­li­sche und fi­nan­zi­el­le Be­frie­di­gung. Die Frage nach dem Kom­merz ist die­je­ni­ge, die am häu­figs­ten auf­taucht: wie kannst Du kos­ten­lo­se eBooks ver­schen­ken und trotz­dem Geld ver­die­nen? ...

Die gute Nach­richt (für den Schrift­stel­ler) ist, dass eBooks auf Com­pu­tern sehr viel wahr­schein­li­cher eine Wer­be­maß­nah­me für ein ge­druck­tes Buch sind (denn das ist schließ­lich bil­lig, ein­fach zu be­kom­men und ein­fach zu be­nut­zen) als ein Er­satz. Man kann wahr­schein­lich genau so viel von dem Buch auf einem Bild­schirm lesen, um zu rea­li­sie­ren, dass man es auf Pa­pier lesen möch­te.

 

Und darauf setze ich. Liebe Selfpublisher: das Geschäft ist sauhart. Schreibt lieber weiter, als Teebeutel zu verschicken. Schreibt das nächste Buch, damit das eben illegal kopierte einen neuen Fan macht, der das nächste Buch dann kauft ... aber lasst das Herzchen/Küsschen/Umarmungsgedöns und schreibt.

 

Und nutzt die Mechanismen lieber clever, als euch von Kaffeetassen/Teddybärchen und Küsschenschickerinnen verarschen zu lassen. In diesem Sinne: ein erfolgreiches neues Jahr euch allen an der Front.

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Kommentare: 4
  • #1

    Michael Kieweg (Donnerstag, 01 Januar 2015 13:01)

    Wie kannst du nur sowas schreiben? Und auch noch Recht haben!

  • #2

    Kari (Freitag, 02 Januar 2015 08:37)

    Amen, meine Göttin. Du böses Schwarzes Schaf. Danke für diese wahren Worte. Mimimi, die klauen Bücher... Als wäre das so ein neues Problem. ;) und ich dachte ich hab nur böse auf meiner Seite dazu Stellung bezogen

  • #3

    Sascha Schröder (Freitag, 02 Januar 2015 09:56)

    Habe mich auch aus diesen Gruppen zurückgezogen.
    Einerseits wurde mir (wie vielen anderen Self-Publishern) Geldgier unterstellt, weil ich meine eBooks eben nicht "verramsche", andererseits wurde ich vor drei Monaten, als ich das Thema eBook-Piraterie ansprach (weil wir selbst betroffen sind) noch ausgelacht und mir wurde gesagt, da könne man halt nichts gegen tun. Rechtliche Schritte wären zwar möglich aber "Ach, das bringt alles nichts, schon deine Nerven und nutz deine Energie für deine Bücher".
    Von daher kann ich die Empörung durchaus nachvollziehen, aber die Hysteriewelle, die da jetzt losgetreten wird...tut mir Leid, aber dafür habe ich beim besten Willen kein Verständnis.

  • #4

    Susanne (Freitag, 02 Januar 2015 18:36)

    Anja, du sprichst mir aus der Seele und ich könnte dich für den Artikel knutschen. (Nein, keine Sorge.)
    Und Teebeutel *g* Das wird mein Satz des Jahres, jetzt schon.