Was wir uns antun

Ich habe in den letzten Tagen die 9 stündige Doku über die Beatles angesehen. Und heute morgen über Britney Spears gelesen. Und von meinen Autorenkollegen auf facebook und instagram lese ich täglich.

Ich lese Begeisterung und Verzweiflung. Ich lese Elan und Müdigkeit. Ich lese Trauer und Liebe.

Und ich lese sie nicht nur, ich fühle sie.

Gestern kam mir ein Spruch unter, der mich ebenfalls beschäftigt: Ein Buch ist erstmal nur ein Text. Nur mit dem Leser zusammen wird es lebendig.

Wir Künstler sind einsam und dennoch immer im Dialog. Und die meisten von uns sind es genauso viel mit sich selbst, wie mit dem Publikum. Manche können nicht ohne, manche dagegen scheuen die Augen und Ohren.

Worauf will ich hinaus?

Künstler*in sein ist anders als Brötchen verkaufen. Oder Busfahren. Oder viele andere Dinge. Manche Berufe sind irgendwie ein bisschen künstlerisch (Lehrer*in sein zb), aber viele sind es nicht.

Und genau in diesem Unterschied liegt die Schwierigkeit.

Warum ist Busfahren keine Kunst? Aber ein Lied komponieren und singen schon?

Weil Künstler*innen, die machen was mit sich und dem Publikum. Wie die Pflanze auf meinem Vorschaubild zum Blog werfen sie Teile ihres Selbst in den Raum, wie eine Angel, in der Hoffnung, dass irgendwo Halt zu finden ist.

Während des Schauens des Beatles-Filmes (Get Back von Peter Jackson, im Moment noch auf Disney+) durchlebte ich viele Emotionen, während ich den Beatles zusah, wie sie ihrerseits viele Emotionen durchlebten. Und eines war klar. Jeder von ihnen hatte viel zu verlieren. Sie wollten nicht aufgeben. Sie waren die Beatles. Das musste doch etwas wert sein? Aber was? Man sieht sie, wie sie das ausloten. Man sieht sie mutlos, angestrengt, auch frustriert. Und dennoch kommt jeder jeden Tag wieder, bis auf einen Bruch ... aber dann ging es weiter. Bis zum Ende, bis zu diesem Konzert, welches keines war, sondern nur der Beweis, dass man es kann. Das man es wollte und konnte.

Und aus dem Schmutz wurde ein Diamant.

Ich lass das mal so stehen, obwohl ich noch vieles dazu sagen könnte.

Aber ... der Titel hier heißt: Was wir uns antun. Ich hab es an anderer Stelle mal genannt: Das Herz aufreißen. Wobei man sich weniger das Herz an sich aufreißt, man entblößt es eher. Ist wie Schorf, den man täglich abknibbelt, damit die Wunde nicht zugeht, damit diese Empfindlichkeit bleibt, denn Schmerz ist dann auch ein Gefühl.

Wir brauchen sie, diese Gefühle. Sänger*innen müssen sie herausrufen, Schreiberlinge erleben sie an Tasten, Tänzer*innen springen und drehen sich. Wir brauchen den Tanz auf dem Seil, die Gefahr, abzustürzen. 

"Was ich schreibe ist Mist. Was ich singe, ist Mist. Niemand will mich sehen/hören/lesen. Wer braucht das alles schon?" Minütlich arbeiten wir gegen das Dunkel an. Nicht aufgeben. Immer weiter. Bis zur Erfüllung. Und dann das nächste Projekt. Wir sind fast immer wund.

Warum ich Britney genannt habe? Das ist, was man den Künstlern zum Teil antut. Man wringt sie aus und benutzt sie. Ich bin gespannt, was sie nun aus sich macht.

Nach "Let it be" haben die Beatles sich getrennt. Und jeder von ihnen hat weiter erfolgreich Musik gemacht. Weil sie nicht zu reduzieren waren auf die Schubladen. Weil sie wollten, konnten und mussten. 

Britney wird vermutlich auch weiter machen.

Ich auch. Und meine Autorenkolleg*innen hoffentlich auch.

Und wer jetzt hier Busfahrer ist, und beleidigt, der möge sich bei mir melden. Ich habe große Hochachtung vor dem Busfahren. Sorry. Ich schenke dir was, zur Kompensation.

Jetzt muss ich weiter schreiben. Dinge, die vielleicht keiner liest. Aber ich tue es dennoch. Haltet bitte auch eure Herzen offen für die Angelhaken, die wir Künstler auswerfen, damit wir euch erreichen und bereichern können.

Das ist es, was wir uns gerne antun.

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