Strange, stranger, Verlage

Liebe Schreiberleinchen, passt fein auf, ich erzähl euch jetzt was.

Wenn man was fertig geschrieben hat, dann darf man stolz sein. Man darf etwas dafür bekommen und man darf Ansprüche stellen. Man hat nämlich etwas geleistet.

Ich weiß, es ist die Mär noch nicht zu allen vorgedrungen, aber so, wie Frauen bei den Männern in der Kirche sitzen dürfen, wir alle der heiligen Messe in deutsch zuhören und wir das Klopapier seit ein paar Tagen per Knopfdruck bei amazon nachbestellen können, so gibt es heutzutage mehrere Möglichkeiten, mit dem Geschriebenen umzugehen.

Was man nicht tun muss, jedenfalls nicht zwingend, sind folgende Dinge: 

 

- Man muss keine Schreibgruppen besuchen. Man muss weder zu Stammtischen noch im Internet in Foren. Man muss sich nicht outen zu welcher Tageszeit man schreibt und wann einem die Plotbunnys durchs Hirn hoppeln.

- Man muss keine Schreibratgeber lesen. Man muss nicht Sol Stein oder sonst jemanden konsultieren.

- Man muss kein Pseudonym wählen, schon gar kein männliches als Frau oder umgekehrt. Und erst recht nicht für jedes Genre ein anderes.

- man muss keinen Agenten oder Verlag haben.

- man muss nicht für jedes Buch ne eigene Facebookseite aufmachen.

- man muss nicht alle paar Tage ein neues Gewinnspiel machen.

 

Was man dagegen darf: 

- man darf entspannt bleiben, auch wenn das Buch sofort auf Piratenseiten auftaucht.

- man darf die ersten paar Verlage, die an die Tür klopfen, ruhig ablehnen.

- man darf grottige erste Ausgaben seiner Werke drucken.

- man darf den Literaturbesserwissern widersprechen.

 

Das ist natürlich alles kein Weg zum Erfolg, davon rede ich hier nicht. Ich rede von den vielen Schreiberlingen, die ich getroffen habe, die am Anfang dachten, sie müssten all dies tun, oder nicht tun. Warum ist das so? Warum denkt man als braver Mensch, es gäbe für alles die eine Schablone, wenn die erfolgreichsten Menschen es einem doch vorgemacht haben, dass eben genau jene nicht gibt?

Eine Erklärung ist, dass der Weg beschwerlich ist. Man stößt auf Unverständnis und muss sich verteidigen. Die meisten Seelen sind verletzlich, gerade wenn es um Kreativität geht. Kreative Menschen müssen in unserer Gesellschaft oft sehr für ihre Passion kämpfen. Es ist nicht so wie bei Fußballtalenten (die ja auch nur durch harte Arbeit und ewiges Trainieren so weit gekommen sind), dass da ein gesellschaftliches Allgemeininteresse oder gar eine Akzeptanz besteht. Der, der schreibt wird erst mal als Sonderling abgetan.

Aber dennoch gibt es Zecken, die sich an einen heften, denn wer will nicht verdienen mit der Sucht des Menschen nach Geschichten? Denn wenn der Schreiberling ein Werk tatsächlich beendet hat, und es nicht grottig ist, dann ... dann kommen sie aus den Löchern.

- Schick mir dein Manuskript!

- Sie wollen Ihr Buch gedruckt sehen?

- Sie wollten schon immer Schriftsteller werden?

- Buchmarketing und Seelenverkauf - wir können beides!

 

Natürlich gibt es sie, die netten Verleger. Ich arbeite selbst mit einigen zusammen. Es gibt die Visionäre, die harten Arbeiter und die, die dich wirklich schätzen.

Aber es gibt auch eine Menge, die nur an dir verdiene wollen. Die dir erzählen, dass du das gut gemacht hast, BIS JETZT, jetzt übernehmen sie. Du brauchst nur hier, hier und hier zu unterschreiben und schwupps, machen sie dich reich und berühmt.

Aber wenn dein Buch nicht gleich so läuft, dann sind sie nicht schuld. Nein, du bist schuld. Sie haben doch eine Anzeige hier, hier und hier geschaltet. Nein nein, du bist zu wenig unterwegs, und vielleicht ist auch dein Buch nicht so gut, wie man gedacht habe, und schau, es gibt a, b und c Bücher. Und deins ist jetzt leider ein c-Buch. Entweder du bringst es unter die Leute oder es muss verramscht werden. Ach ja, du darfst es zum Sonderpreis ankaufen. Aus dem Vertrag lassen sie dich aber nicht raus, noooo way!

Der Vertrag ist auch so eine Sache, da kann man einen eigenen Blogpost drüber schreiben.

 

Naja, oder der Herr Verleger ruft dich an, erzählt dir lang und breit wie toll er ist und wie toll er dich findet. Er habe ein paar deiner Blogbeiträge gesehen. Du seist ja unangepasst, das findet er gut. Dass du kein Lektorat magst findet er gut (Herrgottsakra, wann hab ich das je gesagt????) weil, wenn du ein Buch mit ihm machst, dann gibts keins, dafür darfst du dir aus 123-Fotos jedes aussuchen, daraus macht er dann ein schönes Cover. Das Geld, welches du verdienst, scheffelweise, weil dein Buch wird ÜBERALL zu finden sein, das bringt er dir nach Hause, da er kein Bankkonto hat. Ja, klar, bekommst du nur 35% von ihm, aber du sollst doch nicht glauben, dass die 70% von amazon vollständig an dich gehen!!! Da musst du doch alles abziehen, und dann die Arbeit?!!! Nein, das macht er dann für dich. Schreib einfach was Nettes, was, ist ihm egal, er verlegt alles. Hauptsache billig. Anzahlung? Schnauf, da muss er eben seine Nebenhöhlen befeuchten. Nein, natürlich nicht. 

 

Leute, das sind wahre Geschichten. Ich bin traurig, belustigt und wütend im Wechsel. Ich will nicht verarscht werden und ich will auch nicht, dass andere verarscht werden. Also: denkt lieber ein paar Tage länger drüber nach. Und macht nicht alles, weil MAN es so macht und immer machen wird. Dinge ändern sich. Frauen haben das Wahlrecht bekommen und wir sind nicht gestorben, als wir schneller als 30 km/h gefahren sind. 

 

Bleibt stramm!

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Kommentare: 1
  • #1

    Sylvia Rieß (Donnerstag, 15 September 2016 12:59)

    Hallo Anja,

    war grade mal wieder auf deiner Seite stöbern. Und ach ja, so wahre Worte mal wieder.
    Je länger man dabei ist, je mehr man sieht und hört und schreibt, und besser wird, alte Fehler findet und korrigiert, nur um neue zu machen, stolpert man tatsächlich immer wieder über das,was du beschreibst. Und auch über eben genau die Schreiberlinge, die schockiert die Augenbrauen hochreißen, wenn man sagt: Naja, Verlage sind nicht alle immer das gelbe vom Ei.
    Gestern erst wieder so ne Unterhaltung mit jemandem geführt, was und wie ich demnächst selbst für mein (auch nicht sortenreines ;) ) Fantasy-Epos so an Aktionen plane und was ich halt lasse, weil ich keinen Bock drauf habe.
    Die Antwort war: "Ja guck, dafür will ich eben nen Verlag." Und dann weiß ich nicht, soll ich lachen, weinen, heulen, mit der Faust auf den Tisch schlagen. Nein. Ich zucke nur noch mit den Schultern. Denn ja, die Versprechen der Verlage klingen halt einfach toll. Und leider werden viele immer noch geglaubt. Und die Verlage, die versuchen ehrlich zu arbeiten, die finden meist zu wenig Beachtung und kämpfen um ihr Dasein.

    Ich hoffe, du steckst dennoch den Kopf nicht in den Sand (Aber ich bin mir sicher, das wird nicht passieren ;) )
    Und vielen Dank, für diesen Beitrag.

    Gruß,

    Sylvia